Vogalonga mit Wanderfahrt Venedig-Triest

Wanderrudern  8. Juni 2015  

Am Pfingstsonntag um 09:00 Uhr donnert in Venedig am Markusplatz die Kanone und eröffnet damit die 41. Vogalonga: 1600 Boote mit 6700 Teilnehmern setzen sich in Bewegung auf ihren Rundkurs durch die Lagune und die Kanäle Venedigs. Der Marbacher Ruderverein ist wieder einmal mit von der Partie: Der Landesruderverband hat eine Gemeinschaftswanderfahrt mit dem neuen Kirchboot „Johanna“ zur Vogalonga ausgeschrieben und wir Marbacher haben Glück, einige Plätze ergattert haben zu können.

Während der Vogalonga ist der übliche Schiffsverkehr durch Venedig eingestellt, nur muskelkraftbetriebene Fahrzeuge sind zugelassen. Grundgedanke der Veranstaltung ist der friedvolle Protest gegen den zunehmenden Boots- und Schiffsverkehr in Venedig und die damit einher gehende Gefährdung der Stadt und der Lagune durch Schiffswellen.

Gleich nach dem Start, noch in Sichtweite des Markusplatzes, steht die Mannschaft eines Drachenboots im knöcheltiefen Wasser und versucht, ihr Boot von der Sandbank frei zu bekommen, auf die sie aufgelaufen sind. Sie erinnern daran, dass man sich bei der Befahrung von Lagunen besser an die durch Dalben markierten Wasserstraßen hält.

Wir reihen uns in die endlose Kette von Booten ein, die ausgewiesene Strecke führt uns an Sant’Erasmo vorbei hinaus nach Burano. Bei einigen Ruderinnen scheint das Sprachzentrum direkt mit dem Gesäß gekoppelt zu sein (wenn es nicht gar dort angesiedelt ist): Sobald sie auf dem Rollsitz Platz genommen haben ist ihr Sprachdrang nicht mehr zu stoppen.

In Burano ist Zeit für eine Pinkelpause: In Reih und Glied stehen und hocken Männlein und Weiblein auf den Salzwiesen. Geschichten über Windeln tragende Ruderinnen machen die Runde im Boot. Ich tue dies als Seemannsgarn ab, habe ich dieses Phänomen bislang doch für eine Praxis gehalten, die nur unter gewissen Marbacher Ruderinnen verbreitet ist.

Weiter geht es durch Murano hindurch zurück in die Kanäle von Venedig. Das Nadelöhr der Strecke, die Durchfahrt unter der Ponte Tre Archi im Cannaregio-Kanal führt wie üblich zu einem gigantischen Stau und Chaos, dem auch die italienische Polizei, Zollbehörde und Küstenwache, die allesamt mit ihren Booten zahlreich vertreten sind, auch mit noch so viel Geschrei nicht Herr wird. Alle Kanalufer sind von Schaulustigen gesäumt, denen das Hauen und Stechen der Boote ein Riesenvergnügen zu bereiten scheint. Nachdem dieses Hindernis überwunden ist, folgt die Einfahrt in den Canal Grande, unter der Rialtobrücke hindurch, wieder zurück zum Markusplatz.

Es wird auch Zeit: Um 15:00 Uhr wird die allgemeine Schifffahrt wieder freigegeben und wir sind froh, dass man sich im Kirchboot um die rasch wieder aufkommenden Wellen keine Gedanken machen muss. Nach einer kurzen Pause im Rio de l’Arsenal hält unser Fahrtenleiter aller Bedenken seiner Ruderer zum Trotz unbeirrbar auf die mit einem Stahlseil abgesperrte Einfahrt in die militärische Sperrzone Venedigs, dem Arsenale di Venezia, zu. Eine prompt erscheinende, fesche, junge, italienische Marinesoldatin fragt sogleich barsch nach unserem Begehr. Während ich mir Gedanken um internationale diplomatische Zwischenfälle mache und überlege, wo ich in Deckungen gehen könnte, sollte sie zur MP greifen, hält die Dame Rücksprache mit ihrem Kommandanten, und – man glaubt es kaum – das Stahlseil senkt sich und man gewährt uns die Durchfahrt durch den Militärhafen. Wohlbehalten kehren wir in unser Quartier nach Treporti zurück, natürlich rudernder Weise.

Die Anfahrt nach Venedig ist lang. Was liegt näher, als nach der Vogalonga noch einige Rudertage anzuhängen? Unsere Fahrt führt uns von Venedig nach Triest, zunächst durch die Lagune von Venedig, dann über verschiedene, von hohem Schilf eingefasste Kanäle und die Flüsse Sile und Piave in die Laguna di Caorle; kleine, reetgedeckte Häuser säumen den Weg.

Wir passieren die Küstenstädte Caorle und Bibione und gelangen schließlich durch eine namenlose Einöde an den Golf von Triest. Bisher konnten wir das Rudern auf dem offenen Meer vermeiden und die Kanäle, Lagunen und Flüsse im Hinterland nutzen, doch damit ist nun Schluss: Das bislang flache Ufer geht in die Steilküste der Region um Triest über und zwingt uns, es mit dem Mittelmeer aufzunehmen. Wind und Sicht erscheinen günstig, und so machen wir uns an die Überquerung, zunächst nach Villagio del Pescatore. Wir kreuzen die Schifffahrtslinie nach Monfalcone, ein hochseetauglicher Tanker schiebt sich langsam aus der Hafeneinfahrt, eine schnittige Jacht fährt in die andere Richtung.

Wieder am rettenden Ufer angelangt machen wir noch einen (Ruder-)Abstecher zur Quelle eines der kürzesten Flüsse der Welt: Der Timavo ist nur rund 2 km lang.

Am nächsten Tag geht es an der Küste entlang weiter Richtung Triest. Die Steilküste mit ihren Karstfelsen erinnert bereits an die Landschaft der in Slowenien und Kroatien gedrehten Karl-May-Filme. Wir passieren das Castello di Duino, hoch oben auf den Felsen und wenig später bereits das Castello di Miramare, die Sommerresidenz der Habsburger und von Kaiserin Sissi.

In Triest schließlich werden wir vom örtlichen Ruderverein, dem „Circolo Canottieri Saturnia a.s.d. Trieste“ begeistert empfangen, ein schöner Abschluss einer fantastischen Ruderwoche in Norditalien. An sieben Rudertagen sind wir 278 km gerudert.

Frank Hofmann