Auf Königin Weichsel: Große Wanderfahrt des MRV in Polen

Wanderrudern  27. September 2016  

Jedes Jahr im Sommer macht der MRV seine große einwöchige Wanderfahrt. Dieses Jahr ging es ins Nachbarland Polen auf die Weichsel.

Um sich die Mühen der eigenen Planung der Fahrt zu sparen haben wir uns dieses Jahr einer organisierten Tour angeschlossen: Łukasz Kaczmarek vom Ruderverein TRYTON Poznań (Posen) und mehrmaliger Polnischer Meister im Leichtgewichtsrudern hat sich nach dem Ende seiner Karriere als Rennruderer der Verbreitung des Wanderruderns in Polen verschrieben. Wanderrudern ist in Polen nahezu unbekannt; der gesamte Rudersport ist weitgehend auf das Wettkampfrudern ausgerichtet. Umso bedauerlicher ist es, dass bei der Fahrt keine Teilnehmer aus Polen dabei sind, dafür umso mehr Teilnehmer aus den verschiedensten Vereinen aus Deutschland und den Niederlanden. Insgesamt sind wir fast 30 Ruderer, die in sechs Booten, die von Łukasz Kaczmarek liebevoll seine „Prinzessinnen“ genannt werden, auf große Fahrt gehen.

Unsere Tour wird uns von Toruń (Thorn) – der Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus – über Bydgoszcz (Bromberg), Grudziądz (Graudenz), Gniew (Mewe) und Tczew (Dirschau) nach Gdańsk (Danzig) führen. Die Weichsel ist was Breite und Strömung angeht mit der Elbe vergleichbar. Hier im Unterlauf ist die Königin stark versandet und gerade im Sommer bei Niedrigwasser sehr flach, was mit ein Grund sein mag, warum es nahezu keinen Schiffsverkehr gibt. Das Fahrwasser mäandert sehr stark zwischen dem linken und rechten Ufer hin und her; zur Markierung der kompliziert verlaufenden Fahrrinne gibt es keinerlei Betonnung, stattdessen zeigen für uns Marbacher ungewohnte Peilmarken am Ufer an, wann und in welchem Winkel die Uferseite zu wechseln ist. Stellenweise gilt es nach nur wenigen Hundert Metern wieder die Flussseite zu wechseln. Wer eine Peilmarke am Ufer übersieht findet sein Boot schnell im knöcheltiefen Wasser auf einer Sandbank wieder und verbringt die nächste Zeit mit Schieben und Tragen des Bootes.

Das Land ist trist und öde. Abseits der größeren Städte und kleinen Dörfchen sieht man kaum einen Menschen, das Gebiet jenseits der Ufer ist selten Ackerland, häufiger verlassene unwegsame Wildnis. Entsprechend finden die Mittagspausen fernab der Zivilisation auf malerischen Sandbänken am Ufer der Weichsel statt.

Die Fahrt ist von Łukasz Kaczmarek perfekt organisiert. Neben den gestellten Booten sind Übernachtung, Frühstück, Lunchpaket und Abendessen inbegriffen. In jeder Stadt wartet nach dem Abendessen eine Stadtführung auf uns. Wenn unser Anlegeplatz am Abend zu abgelegen ist, werden wir mit dem Bus zum Hotel gebracht. Ebenso ist für ständige Begleitung durch einen Landdienst gesorgt, der auch die Einkäufe erledigt, sodass sich die Teilnehmer voll aufs Rudern konzentrieren können.

In Tczew (Dirschau) fahren wir unter der berühmten alten Gitterträgerbrücke der „Preußischen Ostbahn“ mit ihren markanten Pfeilertürmen hindurch: Hier wurden im zweiten Weltkrieg beim Angriff auf Polen von einem Kommandounternehmen zur Sicherung der Brücke die ersten Schüsse abgefeuert.

Zur Ostsee hin wird die Weichsel gerader, die Fahrrinne breiter. Kurz vor der künstlichen neuen Mündung ins Meer biegen wir in die Tote Weichsel ab, dem ursprünglichen Verlauf des Flusses durch Danzig hindurch. Eine Pontonbrücke versperrt uns hier den Weg. Mit lang gemachen Skulls passen wir zwar gerade so zwischen zwei der Schwimmkörper hindurch, doch ist die Brücke auch so niedrig, dass sich alle flach ins Boot legen müssen während dieses mit Schwung unter der Brücke hindurch treibt.

In Danzig unternehmen wir noch vor Erreichen des historischen Stadtzentrums eine spontane Hafenrundfahrt durch den Danziger (Werft-)hafen. Dieser hat zwar viel von seiner einstigen Bedeutung verloren, doch aus der Perspektive unserer kleinen Ruderboote sind die hochseetauglichen Frachter, Tanker, Fähren und Bohrinseln, die in den Docks gebaut oder an uns vorüber geschleppt werden, noch immer ausreichend beeindruckend genug.

Schließlich erreichen wir die Danziger Innenstadt mit ihrem Wahrzeichen, dem berühmten Krantor. So interessant wir Ruderer die Gebäude und unzähligen Menschen finden, die die Ufer säumen, so sehr werden auch wir auf dem Wasser zum Fotomotiv vor historischer Kulisse für die vielen Touristen am Ufer.

Hier im Hafenviertel in der Danziger Altstadt endet dann unsere Wanderfahrt auf der Weichsel. Während die übrigen Teilnehmer der Fahrt nach und nach abreisen, haben wir noch einige entspannte Tage in Danzig, die wir mit Entspannen, Stadtführung und -besichtigung sowie einer Schifffahrt an die Ostsee zur Westerplatte, die beim Angriff auf Polen ebenfalls eine bedeutende Rolle gespielt hat, verbringen.

Die Tour auf der Weichsel war eine unvergessliche Wanderfahrt; die Fortsetzung der Fahrt auf der Masurischen Seenplatte im kommenden Jahr ist bereits gebucht.

Frank Hofmann