Wanderfahrt des Marbacher Rudervereins auf der Ostsee in Dänemark

Wanderrudern  28. Oktober 2018  

Als Wanderruderer verfügt man über ein gewisses Netzwerk. Man kennt sich und trifft sich auf den verschiedenen Fahrten immer wieder. Und so ergibt sich für uns Marbacher die Gelegenheit, über Pfingsten an einer Wanderfahrt des „Københavns Roklub“ im Nakskov-Fjord, ganz im Westen von Lolland, teilzunehmen.

Als Sportler denkt man an die Umwelt – und wählt die Anreise mit dem Zug. Allerdings lässt die Deutsche Bahn gleich in Stuttgart den ersten Zug ersatzlos ausfallen. Das bedeutet das Aus für alle Anschlusszüge, für die Fährverbindung von Puttgarden nach Lolland und auch alle weiteren Verbindungen in Dänemark, sodass es unmöglich wird, Nakskov überhaupt noch an diesem Tag zu erreichen. Wenigstens bezahlt die Bahn das Einzelzimmer in Lübeck, und wir erreichen das Ziel mit etwa 13 Stunden Verspätung, gerade noch rechtzeitig.

Im Fjord haben wir ein Standquartier im alten Lotsenhaus auf der kleinen unbewohnten Insel Albuen und machen Tagesfahrten auf dem Fjord und – wenn es der Seegang zulässt – auch auf dem richtigen Meer. Früher haben hier die Lotsen auf die Schiffe gewartet, um sie dann sicher auch die komplizierte Fahrrinne nach Nakskov zu bringen. Direkt hinter dem Haus schieben sich die großen Pötte durch den Großen Belt, die Fähren von Kiel nach Oslo und riesige Frachtschiffe auf dem Weg nach Polen oder Russland. Aus diesem Grund war auf der Insel auch bis vor wenigen Jahren ein Beobachtungsposten der NATO: Tag und Nacht wurden mit einem gigantischen Fernglas vorüberziehende feindliche Schiffe kritisch beäugt und vermerkt.

Das Haus ist nur per Boot vernünftig zu erreichen. Ein Motorboot hat das meiste Gepäck und den Proviant hergebracht. Im Haus scheint die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts stehen geblieben zu sein: Hier gibt es erst seit kurzem in einen Teil des Hauses elektrischen Strom, fließend Wasser gibt es überhaupt nicht. Unser Abendessen (Spargel und Kartoffeln) kochen wir mit Ostseewasser auf einem alten Holzofen – direkt vom Strand in den Topf. Es erscheint fraglich, ob das Grünzeug im Essen von der Küchenbrigade so gewollt oder nur unvermeidlicher Seetang war. Zwar gibt es auch eine Zisterne, in der Regenwasser von Dach gesammelt wird, aber die hat kaum noch Wasser und obenauf schwimmen viel Blütenstaub und allerlei totes Getier. Es muss abgekocht zum Abspülen herhalten. Als WC gibt es ein gewöhnungsbedürftiges Plumpsklo, 50 m vom Haus entfernt, mit anschließendem Torf Drüberschippen. Waschen tut man sich in der Ostsee – oder gar nicht, weil man hinterher zwar den Schmutz los, dafür aber über und über mit Tang und Quallen bedeckt ist. Die mitgebrachten ca. 60 Liter Wasser reichen nur zum Trinken (Ich werfe sicherheitshalber nach dem Füllen der Flasche immer noch eine Chor-Tablette hinterher).

Wir rudern in vier gesteuerten Innenrigger-Riemenzweiern, sehr ungewohnt für uns Marbacher. Es ist sonniges, warmes Wetter, ringsum flache, menschenleere Landschaft, hier und da ein kleines Inselchen, nur Kühe und Vögel sind zu sehen. Lediglich der Wind bläst zuweilen recht kräftig und türmt die sonst flache Ostsee zu großen Wellen auf. Zwar sind die Boote dafür gebaut, doch auch der größte Wellenbrecher kann nicht verhindern, dass sich immer ein feiner Sprühnebel über Boot und Mannschaft legt, wenn der Bug in die nächste Welle hinein kracht. Dementsprechend schaukeln Tisch und Bett sobald man nur wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Im Fjord ist es ratsam, ein genaues Auge auf die Seekarte zu haben, oder besser gleich aufs GPS; Die Ostsee ist hier sehr flach, an vielen Stellen selbst zum Rudern zu flach. Für den Ortsfremden werden die vielen Inseln und Durchfahrten zu einem verwirrenden Labyrinth; die Seezeichen lassen sich bei tief stehender Sonne kaum noch erkennen oder unterscheiden. Und das Tagesziel, eigentlich irgendwo direkt voraus, verliert sich in Luftspiegelungen am fernen Horizont.

Aber: Es hat wieder unglaublich Spaß gemacht. Wir sind für die nächste Fahrt schon vorgemerkt. Und wieder zurück vermisst man sein schaukelndes Bettchen, das einen jeden Abend in den Schlaf wiegt.

Frank Hofmann