Johanna auf dem Neckar unterwegs

Wanderrudern   14. April 2024  

Das Kirchboot Johanna des Landesruderverbands BW ist normalerweise am Bodensee beheimatet. Mehr durch Zufall sehe ich sie nun zu meiner Überraschung auf ihrem Anhänger in Marbach herumstehen. Sie macht hier Zwischenstation auf dem Weg nach Potsdam – eine einmalige Gelegenheit, das Boot ohne größere Aufwände auf dem Neckar zu rudern. Johanna ist 13 m lang, 2 m breit und wiegt um die 300 kg. Allein ihr Fahnenmast ist so groß, dass er jedes Gig-Boot sofort zum Kentern bringen würde.

Wenn alle mit anpacken (das Boot bietet Platz für 18 Ruderer, Steuerleute und Kielschweine) könnte man das Boot durchaus an einer breiten, flachen Stelle in Wasser tragen. Am steilen Ufer des Neckars ist dies unmöglich. Der Motorbootclub Benningen stellt uns seine Slipanlage zur Verfügung.

Erwartungsgemäß lässt sich das Boot nur mit Marbacher Ruderern nicht voll besetzen, Marbacher Breitensportler haben generell Angst vor längeren Ausfahrten und Riemenrudern. Wir verstärken die Mannschaft daher mit hoch motivierten Wanderruderern um Peter Sigmund aus Rastatt.

Den Plan, nach Hessigheim zu rudern, verwerfe ich: Dort gäbe es keine vernünftige Anlegemöglichkeit für das Boot. So rudern wir von Benningen nach Neckarrems, der Motorboot-Gästesteg des WSV Schifferclubs ist ideal, um das Boot über Mittag geschützt festzumachen.

Das Boot reagiert sehr feinfühlig auf das große Steuer, läuft aber noch lange nach. Auch Geschwindigkeit und Trägheit des Bootes beim Verlangsamen sind nicht zu unterschätzen. Bei einem geplanten Halt oder Anlegen muss deutlich früher als bei einem Gig-Boot die Geschwindigkeit reduziert bzw. „Ruder halt“ kommandiert werden. Ich bilde mir ein, dies im Griff zu haben; doch die drei Anlegemanöver, die ich am Steuer des Bootes vor vielen Zeugen mache, zählen nicht zu meinen Glanzstücken.

Wir kommen reichlich früh in Neckarrems an, ich beschließe, etwas Zeit zu schinden und noch einen Abstecher in die Rems zu machen: Ein Kirchboot auf dem Neckar ist schon eine Seltenheit, auf der Rems hat es das vielleicht noch nie zuvor gegeben. Zugegeben nach knapp einem Kilometer setzt hier ein Wehr der Fahrt ein Ende und bereits deutlich vorher wird die Rems so flach, dass der Steuermann Todesängste aussteht wegen der vielen spitzen Steine, an denen sich das Wasser kräuselt.

Zum Mittagessen sind wir in der Gaststätte im Schifferclub angemeldet, durchaus eine lohnenswerte Empfehlung für nachfolgende Wanderfahrten. Kurz bevor wir wieder aufbrechen wollen, springt eine Teilnehmerin plötzlich auf und verkündet zur allgemeinen Verwunderung in einer Art Rede, dass Kirchbootrudern doch nicht so ganz das Richtige für sie bzw. ihre Waden wäre, und dass sie sich nun in Richtung Stadtbahnhaltestelle verabschieden würde. Zum Glück gibt es genügend Kielschweine im Boot, die ihr Kielschwein-Dasei nicht so ganz mit ihrer Rudererwürde vereinbaren können, und so kann der freigewordene Ruderplatz problemlos besetzt werden.

Zurück geht es dank der etwas kräftigeren Strömung recht zügig voran (wir haben leicht erhöhten Wasserstand). Beim Steuern erscheint mir das Boot eher langsam, bei Rudern hingegen eher flott unterwegs zu sein. Der spätere Vergleich mit einer Gig-Boot-Tour ergibt keine nennenswerten zeitlichen Unterschiede. Für viele Teilnehmer ist diese Fahrt das erste Mal in einem Kirchboot und auch das erste Mal Riemenrudern. Vielleicht ist Kirchbootfahren sogar die beste Art, das Riemenrudern kennenzulernen, denn das Boot liegt unerschütterlich stabil im Wasser, gar kein Vergleich zum Riemenrudern in einem Rennboot.

Zurück in Benningen muss Johanna wieder aus dem Wasser, sorgfältig geputzt und mit allen Klein- und Einzelteilen sicher auf dem Anhänger für die lange Fahrt in den Norden verstaut werden. Zum Glück hat das Boot Lenzschrauben. Diese sollten besser nicht herausgedreht werden, solange das Boot noch auf dem Wasser ist, aber an Land ermöglichen sie das Putzen mit viel Wasser von oben, dieses läuft einfach durch die Lenzöffnungen wieder ab.

Frank Hofmann